(bert) Kurz nach 17.00 Uhr öffnen sich Türen, die sonst oft verschlossen bleiben. Aus alten Gemäuern klingt Musik, Menschen ziehen neugierig von einem Ort zum nächsten und irgendwo erzählt jemand Geschichten, die man nicht vergisst. Längst vergangene Zeiten werden an diesem Abend wieder lebendig.
Die 25. Museumsnacht Hegau-Schaffhausen am Samstag, 19. September, machte auch in Diessenhofen und Stein am Rhein die Nacht zum Tag. Im «Haus zur Gewesenen Zeit» in Diessenhofen empfängt Monika Stahel ihre Gäste seit 2012. Es ist, als tritt man durch ein Tor in die Vergangenheit. Stahel lebt zwischen Kleidern, Hüten, antiken Möbeln, längst vergessenen Büchern und kuriosen Alltagsdingen. Im Keller gibt es sogar ein Kino. Während der Museumsnacht konnten die Besucher das Haus erkunden und in alten Büchern und Zeitungen blättern.
Bilder, in denen Erinnerung verblasst
Im Museum kunst + wissen stand die Vernissage von «That Wich Still Remains» mit Werken der Zürcher Künstlerin Michelle Maddox und des Diessenhofener Malers Carl Roesch (1884 – 1979) im Mittelpunkt. Maddox' Bilder wirken still und geheimnisvoll, manchmal fast geisterhaft. Dinge scheinen aus einer anderen Zeit herüberzuflüstern. Konturen lösen sich auf, Farben gehen ineinander über, Einzelheiten verschwimmen. Es sind Bilder über das, was bleibt, wenn Erinnerung ihre scharfen Kanten verliert. Aufgewachsen in England, führt Maddox' Familiengeschichte sie in die Schweiz. Ihre Vorfahren hatten sich zeitweise in Gailingen und Diessenhofen niedergelassen. Als Kind verbrachte sie die Sommerferien in der Region. Ihre Bilder treten in einen stillen Dialog mit Arbeiten von Carl Roesch aus Familienbesitz. Das Museum machte daraus ein Herzensprojekt. Direktorin und Kuratorin Lucia Angela Cavegn begrüsste die Gäste, Bürgermeister Dr. Thomas Auer aus Gailingen war ebenfalls dabei. Besonders stimmungsvoll wurde es am Rheinufer, unter den alten Platanen lauschten die Menschen den Klarinettentönen von Daniel E. Schneider. Im ehemaligen Benediktinerkloster St. Georgen in Stein am Rhein tauchten die Besucher zwischen Höfen, Fresken und historischen Räumen in eine andere Welt ein. Führungen machten Geschichte und Architektur des Kloster lebendig. Volkskundlerin Claudia Eimer erzählte über die «Hübschlerinnen», denn auch in Stein am Rhein gab es ein Frauenhaus. 1508 wurde es im Zuge einer Frömmigkeitsbewegung geschlossen. Am Abend bekam das Kloster noch eine ganz andere Stimme. Béatrice Gründler und Walther Giger liessen Salonmusik der 1920er-Jahre erklingen. Musik, Gesang und die alten Räume verschmolzen zu einer besonderen Zeitreise. Im Schaudepot St. Katharinental führte Carmen Aliesch durch «Verliebt, verlobt, verheiratet» mit wundersamen Bräuchen rund um die Ehe. Hochzeiten in Schwarz, eine Apfelschale als Orakel für die Anfangsbuchstaben des ersten Ehemanns und sogar ein Toilettenstuhl zeigen, wie anders frühere Lebenswelten waren. Auch die Klosterkirche öffnete ihre Türen. Besucher erfuhren von der Geschichte und Architektur des Barockbaus und der Priorin Maria Domenica Josepha von Rottenburg, die den Neubau von Kloster und Kirche entscheidend prägte. Auch gab es eindrückliche Orgelführungen.
Von Mikronauten bis zur Grenzbefestigung
Das Roesch-Atelier öffnete seine Türen und gab Einblicke in das Werk des Diessenhofener Künstlers Carl Roesch, der über tausend Gemälde schuf. Im Atelier zur Eisvogelfeder begegneten die Besucher den «Mikronauten», dem Spätwerk des verkannten Diessenhofers Künstlers Adolf Ott. Zarte Aquarelle zeigen geheimnisvolle Wesen und oft den Säntis, eine feinstoffliche Welt zwischen Landschaft und Fantasie. «Von A bis Z» ging es in der Tigerfinklifabrik. «26x26» zeigte historische Alphabet- und Buchstabenbücher aus der Sammlung von Fritz Franz Vogel. Buchstaben wurden zu kleinen Kunstwerken, passend dazu gab es eine Buchstabensuppe. Von der Motorisierung der Schweizer Armee bis zur Panzerabwehr konnten sich die Besucher im Museum Zeughaus in Diessenhofen informieren und im Infanteriewerk A5527 «UF Burg» in Stein am Rhein führte der Weg in die Geschichte der Grenzbefestigung. Im Museum Lindwurm durften die Gäste nicht nur das Jazzartduo Silvestri/Peris geniessen, sondern erfuhren auch, wie die Menschen ohne fliessend Wasser, Strom und Heizung lebten. Im Dachstock wurde die Videoinstallation «Incrèsciar/LangeZeit» von Evelina Cajacob gezeigt. Das Kulturhaus Obere Stube experimentiere bei «Glück hat viele Farben» mit Pigmenten, Farbe und alten Malwerkzeugen, dazu konnten die Besuchenden den Klangwelten von Fatima Dunn lauschen und mehr über die 100-jährige Geschichte des Kino Schwanen erfahren. Die Falkengalerie, der Hirschen, das Rathaus und das Stadtarchiv öffneten ebenfalls ihre Türen.
Und plötzlich ist wieder heute
Vielleicht ist das Schönste an dieser Nacht gar nicht ein einzelnes Bild, eine Führung oder ein Konzert. Es ist das gemeinsame Staunen. Menschen kommen zusammen, um zu sehen, wie andere früher gelebt, geliebt, gearbeitet, geglaubt und gefeiert haben. Für ein paar Stunden werden alte Kleider, vergessene Geschichten, Fotografien, Gemälde und Gemäuer wieder lebendig. Erinnerung bewahrt nicht nur was gewesen ist, sondern lässt Vergangenes für einen Augenblick wieder leben, damit wir uns bewusst sind, wie schön es ist, dass aus dem Gestern heute geworden ist – zumindest für diese eine Nacht.









