4500 Abonnenten
4500 Abonnenten
100 Ausgaben pro Jahr
100 Ausgaben pro Jahr
Sprachrohr der Region
Sprachrohr der Region
bestens informiert
bestens informiert
auch online verfügbar
auch online verfügbar
10’000 Leser
10’000 Leser
eigenständig und neutral
eigenständig und neutral
Wir veröffentlichen Leserbriefe
Wir veröffentlichen Leserbriefe
umfassende Berichterstattung
umfassende Berichterstattung
informativer Inserateteil
informativer Inserateteil

Aktuell

Bin ich ein Teil jener Kraft, die das Gute schafft?

Die Theatermafia aus dem Kanton Schwyz brachte in Diessenhofen fulminant Faust auf die Bühne

Ohne Mephisto (Vordergrund) bleibt das neue Frauenstück der Theatermafia mit Frau Doktor Faust (links) und Göttin Athene (rechts) Makulatur; im Hintergrund Heilerin Anna und die Soldatin Valentina.

(ggd/ffv) Vorneweg: Das Theater mit den acht Jugendlichen der Theatermafia aus dem Kanton Schwyz war theatralische Exzellenz in jeder Hinsicht. Nichts anderes als Faust, der Tragödie erster Teil, stand auf dem Programm der Gemeinnützigen Gesellschaft Diessenhofen. Doch den Klassiker herunterzuspielen war dem Autor und Regisseur Roland Ulrich zu passiv. Über Improvisationen und Querverweise von Goethe bis Jelinek entwickelten die 16- bis 23-jährigen Frauen und ein Mann zusammen mit dem Regisseur ein packendes Stück mit gesellschaftlichem Tiefgang.

Schauplatz ist das Haus der Weisheit. Athene mit ihren aufgemalten Trauertränen langweilt sich im Götterhimmel. Mephisto, mit rot unterlaufenen Augen und «per aspera ad astra» auf dem Unterarm tätowiert, liegt ihr in den Ohren, mehr Action und Power zu veranstalten. Sie ruft auf sein Drängen Frau Doktor Faust, die sich mit Gepolter im Obergeschoss ankündigt und durchs Fenster fliegend gleich den entzückten Mephisto umhaut. In verkehrten und verdrehten Rollen will Frau Doktor Faust im rot(z)frechen Kostüm fortan ein neues (Frauen-)Stück schreiben, etwas gegen den patriarchalen Müll, der sich in der Götterbibliothek angesammelt hat. Vor der Bücherverbrennung wird zwar Platon gerettet, doch sonst bleiben nur die ausliegenden ABC-Bücher verschont. 

Opfergretel und Macho Mephisto

So findet auch Gretchen, das Opfer sexueller Gewalt, dank heilender Fürsorge von Anna (Göldi; mit ihren Wundmalen am Hals aufgrund ihrer Hinrichtung mit dem Schwert) zum Lesen und Schreiben. Wissen ist Macht, doziert Frau Doktor. Diese grundlegenden Fähigkeiten scheinen für eine neue Welt, eine neue Zeit, ein neues Geschlechterverhältnis nach wie vor zentral. Macho Mephisto, der als verführerischer Schönling jede Frauenbrust anbaggert, ist nicht nur ein Stehaufmännchen. Keine Ohrfeige, kein Dolchstoss, weder Rüffel noch Tadel werfen ihn aus der Bahn. Er will im Spiel der Zukunft dabei sein, er versteht sich als Magier, Influencer und «Dealmaker», auch wenn ihn Athene am Schluss aus dem Himmel feuert. 

Die Dramatik, die sich aus diesem Wechselspiel ergibt, ist beklemmend. Wer macht was für sich, für die andern? Wer siegt: Egoismus oder Altruismus? Charmeur oder Informant? Im radikalen Körperspiel der Jugendlichen wird der seelische Zwist und faustische Pakt, Böses zu wollen oder/und Gutes zu tun, zum persönlichen Appell. Das Spiel ist nicht nur jenes der Jugendlichen, sondern der eigene innere Kampf des Zuschauenden, was die Welt verdient hat oder nicht.

Mein Name ist …

Vielleicht ist der Titel die Lösung: Mein Name ist Margarete. Es ist der simple Affirmativsatz, zu wissen, wer man ist, was und wer man sein möchte. Aus dem Gretchen ist Margarete gewachsen, aus dem Kind die Frau, aus Jugendlichen Schauspielende und Arbeitnehmerinnen. Margarete ist auch diejenige, die dank ihrer Aufklärung und Emanzipation eine zweite Stasi-Mephista namens Leni im kompromisslosen Weltgefüge entlarvt, die sich hinter Kamera und Fichen versteckt und das System unterwandert. Doch das ist nicht alles. Es ist, als ob auch die Gesellschaft lernen muss, aus der Spirale von Untätigkeit, Überwachung und Gewalt, aus dem ewigen Gerede von Schönheit und Geltung auszubrechen und zu einer Völkerverständigung zu finden, deren Fundus die gesamte Bibliothek ist, inklusiv der positiv gedachten Helden und kulturellen Leitbilder. 

Der Text wurde gemeinschaftlich entwickelt und von Roland Ulrich so präzisiert, dass sich Menschen und Götter, Antike und Jetztzeit, klassische Literatur und Jugendslang, Spontisprüche und Reflexionstiefe, Poesie und Eilmeldungen die Waage halten. Ulrich sorgte in den letzten Jahrzehnten immer wieder für den exklusiven Schlusspunkt mit Jugendlichen an den Schultheatertagen in Luzern. Seine Ensembles vertrauen ihm, denn sie wissen, dass der antike und metaphorische Unterbau ein Stück über jede Alltäglichkeit hinauskatapultiert und bei den Zuschauern wirkmächtig landen lässt.

Das ist ihm und mit der Freizeittheatertruppe auch hier grandios gelungen. Die 30 Zuschauenden in der Tigerfinklifabrik an einem konkurrenzlosen Montagabend waren angesichts dieses Spieleifers der Gen Z und der Brisanz des Stücks etwas gar knapp. Aber auch der Theaterhimmel kann nicht alles haben, was er will.

BOTE ONLINE-ABO

Sie möchten den «Bote vom Untersee und Rhein» online lesen, haben aber noch keinen Zugang?

Bitte wählen Sie eine Abo-Variante: