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Rückblick auf ein imposantes Lebenswerk

Gratulation und Ehrung zu Jean Grädels 75. Geburtstag im Phönix Theater Steckborn

Jean Grädel (links) und Daniel Rohr miteinander im Gespräch.

 

(jo) Was für ein Unterschied im Phönix Theater, nur drei Tage dazwischen: am Samstag, 3. November, die heitere, ausgelassene Feier zu «25 Jahre Lokalfernsehen Steckborn», dann, am Dienstag, 6. November, die Ehrung Jean Grädels anlässlich seines 75. Geburtstags, auch als der Ausnahme-Theatermann bezeichnet, als Schauspieler Regisseur und Lehrer. Sicher, auch hier eine sehr gute Stimmung, aber es gibt sie auch, die nachdenklicheren Töne, die Erinnerungen, die Jean Grädel im Laufe seines 75-jährigen Lebens gespeichert hat und die natürlich im Gespräch wieder lebendig wurden. Dann wurde auch das Gesicht ernster, nachdenklicher. Dennoch überwog der heitere, freundliche Ausdruck. Das leise Lächeln. Philippe Wacker, Theaterleiter, hat es so ausgedrückt: «Diesem grossen Mann der Schweizer Kulturszene widmen wir diesen Abend». Er war und ist es.

Lebendiges Theater
Es sollte ein Abend werden, musikalisch und durch Bildeinspielungen sehr bereichert, durch den der Schauspieler und Theaterleiter (Rigiblick in Zürich), Daniel Rohr, als Moderator führte. Behutsam, nicht überspannt, aber sehr offen und anregend. Er verstand es, die eingeladenen Gäste, Simon Witzig, Humbert Entress, Hanna Scheuring, Adrian Klemm, Annette Kuhn und Albert Koller in das Gespräch mit Jean Grädel einzubeziehen, die alle auf sehr unterschiedlichen Ebenen mit ihm zusammen gearbeitet haben. So dürfte Hanna Scheuring in Steckborn nicht vergessen sein, die hier, im September 2012, unter der Regie von Jean Grädel, das von ihr geschriebene Stück «Love, Marylin», gespielt hat. Es war nicht das einzige. Sehr eindrucksvoll war auch «Grönland» 2010/11 – ein Solostück von Hansjörg Schertenleib für Hanna Scheurig geschrieben. Annette Kuhn spielte unter seiner Regie «Strandgut» 2016, Freies Theater Thurgau, auch im Phönix Theater. Beide Schauspielerinnen berichteten von ihren Erfahrungen und der Freude und der Achtung, mit der sie mit Jean Grädel zusammengearbeitet hätten. Was Annette Kuhn besonders begeisterte: «Jean Grädel kann zuhören». Für einen Regisseur sicher eine wichtige Gabe. Hanna Scheurig hob den Mut hervor, den Jean Grädel bei seinen Inszenierungen gehabt habe. Nur: unter Streitigkeiten und Querelen habe er nicht arbeiten können. Köstlich Albert Koller, der voller Humor erzählte, dass er von Anfang an gewusst habe, dass Grädel der richtige Mann für die Inszenierung der für 2005 geplanten Appenzeller Freilichtaufführung «Ueli Rotach», 600 Jahre Schlacht am Stoss sei, denn schliesslich «Also, me verschtönd au öppis von Theata» – herzliches Lachen des Publikums.

Theater, Theater
Wie aber hat der «Ausnahme-Theatermann», oder auch als das «Kulturschwergewicht» bezeichnet wird, die freie Schweizer Theaterszene in der Schweiz über Jahrzehnte so prägen können wie niemand anders sonst, und zwar als Schauspieler, Regisseur und Lehrer? Irgendeine Muse muss ihm in die Wiege die Leidenschaft und Liebe fürs Theaterspiel gelegt haben, denn, wie Grädel erzählte, sei es für ihn schon sehr früh klar gewesen, einmal zum Theater zu gehen, was ihm aber niemand so recht hat glauben wollen. Dennoch – er setzte sich durch, wurde Schauspieler, und, vor allem, seit 1968 Regisseur, Lehrer und Anreger. Er hat so viele Stücke inszeniert, im Theater, als Freilichttheater, Theater gegründet, geleitet, gespielt, sich als Stiftungsrat der Kulturstiftung des Kantons Thurgau von 1999-2012 engagiert – 2007 selbst den Kulturpreis erhalten – dass eine Aufzählung jeden Rahmen sprengen würde. Als Beginn vielleicht seiner umfassenden Tätigkeiten 1971 die Gründung des Theaters «die claaque» bis 1975. Wo es ganz schön deftig zugegangen ist. Und 1976 die Gründung des Theaters «Spat & Co.» Ein professionelles Theater für Kinder und Jugendliche. Dieses Engagement für Kinder und Jugendliche hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Und auch das Phönix Theater hat durch eine Vielzahl von Inszenierungen profitiert, wo Jean Grädel heute noch im Vorstand mitarbeitet. Wenn man dieses Leben überblickt – es ist so reich und vielseitig gewesen, er hat Leistungen erbracht, die nur staunen lassen, denn Jean Grädel betonte auch, dass ihm Vorbereitungen sehr wichtig gewesen seien. Wie monatelanges recherchieren. Mehr noch – diese seien oft für ihn die schönste Zeit gewesen. Dies wohl nicht zuletzt auch deswegen, weil er um die grosse Verantwortung für die DarstellerInnen wusste, aber auch fürs Publikum. Das immer verstehen sollte, was gespielt wurde, worauf es ankam. Dennoch – nur sitzen und recherchieren konnte er auch nicht und bekannte: «Früher bin ich sehr gerne und viel ausgeritten». Natürlich hat in 75 Lebensjahren nicht nur «die Sonne geschienen», es hat harte und seelisch sehr belastende Zeiten gegeben. Aber: heute kein Theater mehr? Nein, das geht nicht. Er macht weiter.
Und da gibt es noch Christian Eggenberger im Team des Phönix Theaters. Er hat es mit weniger, aber absolut gekonnten Strichen verstanden, diesen Abend, die Menschen, manche Zitate auf ein grosses Bild zu zeichnen. Einfach Klasse.